Explosion in Steglitz

Alarm für DRK-Rettungshunde und Schnelleinsatzgruppen nach Hauseinsturz in der Lepsiusstraße

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Morgens um sechs war die Welt in der Lepsiusstraße noch in Ordnung. Sekunden später erschütterte eine gewaltige Detonation die eher ruhige Steglitzer Wohngegend. Scheiben klirrten, Putzbrocken flogen durch die Luft, Staub hüllte den Ort des Geschehens ein. Als sich die Wolke langsam verzog, trauten die entsetzten Anwohner und Passanten ihren Augen nicht. Wo vorher das Wohnhaus Nr. 57 stand, war kein Stein mehr auf dem anderen, sondern nur noch ein riesiger Trümmerberg geblieben.

Es dauerte nur Minuten, bis die ersten Feuerwehrsirenen und Hubschrauber zu hören waren. Auch Mannschaften vom Roten Kreuz, allen voran Rettungshundeteams, eilten an den Unglücksort. Seite an Seite mit Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk beteiligten sich die DRK-Freiwilligen an der fieberhaften Suche nach Leben unter den Trümmern.

Der Verstand konnte kaum glauben, was das Auge sah

Der Alarm für einen der größten Rettungseinsätze des Berliner Roten Kreuzes wurde um 6.13 Uhr in der Telefonzentrale ausgelöst. Heinz Jürgen Uhrlandt nahm den Anruf der Landesbereitschaftsleitung entgegen: Vermutliche Gasexplosion in der Lepsiustraße, mit Verletzten ist zu rechnen. Solche Situationen sind dem langjährigen Mitarbeiter nicht fremd: "Ich hatte Dienst, als sich damals das Zugunglück kurz vor Berlin ereignete, und auch vor vielen Jahren beim Anschlag auf die Diskothek LaBelle", erinnert er sich. Diesmal konzentrierte sich der Alarm auf Schnelleinsatzgruppen (SEG) im Sanitäts- und Betreuungsdienst sowie Rettungshundestaffeln.

Als um 6.20 Uhr die Feuerwehr DRK-Unterstützung anforderte, war die Aktion für die Rotkreuzteams schon angelaufen. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer wurden teilweise aus dem Bett geholt oder auf dem Weg zur Arbeit sowie am Arbeitsplatz von dem bevorstehenden Einsatz überrascht. In der Alarmphase hieß es, rund 100 Freiwillige mehrerer Schnelleinsatzgruppen, der Rettungshundestaffeln und des Fernmeldedienstes zu mobilisieren. Kurz vor sieben war die Funkbetriebszentrale ebenfalls ehrenamtlich besetzt und übernahm die Einsatzkoordinierung

Nur Minuten später trafen die ersten drei DRK-Rettungshundeteams am Unglücksort ein. Den Hundeführern bot sich das unverändert schreckliche Bild, wie den ersten, schon fieberhaft arbeitenden Rettungsmannschaften der Feuerwehr.

Zwischen zwei, im wesentlichen intakten Altbauten klaffte eine Riesenlücke mit einer Trümmerhalde aus Gesteinsbrocken, verbogenen Eisenträgern, ineinander geschachtelten Mauerteilen, zersplitterten Holzbalken. Dazwischen ein zerstörtes Sofa, zerquetschte Schränke, Fetzen von Teppichboden und anderem Hausrat... Der Verstand konnte kaum glauben, was das Auge sah.

Aber um Eindrücke zu sammeln war nicht die Zeit. Schließlich wurden Menschen unter den Schuttmassen vermutet. "Die Feuerwehr hat unsere ersten drei Teams unverzüglich eingewiesen", berichtet Andreas Grikowsky, Leiter der Rettungshundestaffel vom Kreisverband City. "Um 7.20 Uhr war die erste Trümmerabsuche beendet." Die Hunde hatten an drei Stellen Menschen erschnüffelt. Hoffnung auf Überlebende wurde bestärkt. Dort im Hinterhaus, wo sich bereits durch lautes Rufen ein verschütteter Mieter der Feuerwehr bemerkbar gemacht hatte, schlug auch Suchhund "Teddy" an, der bereits 60 Rettungseinsätze hinter sich hat.

Immer neue Rettungskräfte trafen am weiträumig gesperrten Unfallort ein. Lange Menschenketten wurden gebildet, um die Gesteinsbrocken Schicht für Schicht abzutragen. Mit Rücksicht auf Verschüttete sollte ein Nachrutschen der Trümmer vermieden werden.

Teilweise erinnerte der Schuttberg mit den dunkel gekleideten Bergungsgruppen von Feuerwehr, Polizei und THW an einen gigantischen Ameisenhügel. Knochenarbeit, die aber gegen 10.30 Uhr mit einem ersten Erfolg belohnt wurde:

Der 33jährige Mieter, den auch "Teddy" angezeigt hatte, kann gerettet werden. Kaum verletzt und offensichtlich bei guter Verfassung wird er ins Krankenhaus gebracht.

Während die Rettungshunde - mittlerweile acht vom Kreisverband City unterstützt von drei Teams des Roten Kreuzes aus Forst in Brandenburg - zwischendurch immer wieder auf die Trümmer geschickt werden, um Witterung aufzunehmen, läuft parallel der Betreuungseinsatz von drei DRK-Schnelleinsatzgruppen (SEG) aus Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof/Kreuzberg und Schöneberg-Wilmersdorf auf Hochtouren.

Mit dem Notwendigsten versorgen sie am Ort einige Mieter des Unglückshauses, die zum Zeitpunkt der Explosion nicht in den Wohnungen waren und nun fassungslos und erschüttert vor den Trümmern ihres ehemaligen Zuhauses stehen. Darunter die verzweifelt hoffenden Eltern des 13jährigen Sven, auf dessen Suche sich die Bergungsmannschaften jetzt konzentrieren.

Spaziergang und Spüle retteten ihr Leben

Auch Bewohnern umliegender, evakuierter Häuser wird Betreuung vom Roten Kreuz angeboten. Wer möchte, wird von den Helfern in die DRK-Kreisgeschäftsstelle nach Steglitz gebracht und erhält dort auch eine Mahlzeit. Unter ihnen sind zwei, die Glück im Unglück hatten, ein 62jähriger Mann und seine 42jährige Tochter, beide Mieter in der Lepsiustraße 57. Während der Vater zum Zeitpunkt der Explosion nur wenige Meter entfernt mit seinem Hund spazieren ging, wurde die Tochter in der Küche von der Wucht der Detonation überrascht. Wohl instinktiv hatte sie sich unter die Spüle geflüchtet und konnte staubbedeckt, aber unversehrt aus den Trümmern klettern, gerade als ihr Vater aufgeregt zurückkehrte. Beide wurden für eine Nacht im DRK-Seniorenheim Schlachtensee untergebracht. Auch für die Rettungsmannschaften am Ort sorgten die SEGn vor allem am zweiten Tag mit Stärkung und Getränken.

Unermüdlich arbeiteten sich die Bergungsteams in Handarbeit voran. Kräne hievten Schuttwannen in die Höhe. Die Rettungshunde zeigten immer wieder an den bereits zuvor lokalisierten Punkten an. Aber die Hoffnung, die vermißten sieben Bewohner noch lebend zu finden, schwand trotz zusätzlichen Einsatzes modernster Ortungstechnik durch das THW von Stunde zu Stunde. "Unsere Hunde haben die aufgespürten Personen nicht eindeutig verbellt", sagt Staffelleiter Grikowsky und erklärt, daß sie das in der Regel bei noch lebenden Personen tun. "Unsere Vermutung, daß sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben waren, hat sich im Nachhinein bestätigt."

Wie alle Rettungsteams gingen auch die DRK-Helferinnen und -Helfer bis zum Schluß trotz Erschöpfung und Müdigkeit hochmotiviert zur Sache in der Hoffnung, noch Menschenleben retten zu können. Doch der pausenlose, dreitägige Einsatz bis an den Rand der Kräfte führte nicht zum gewünschten Erfolg. Als den Rettern bei den Bergungsarbeiten der Hund des 13jährigen Sven munter entgegensprang, keimte noch einmal Hoffnung auf. Aber alle sieben Vermißten wurden letztlich nur tot in den Überresten ihres Hauses gefunden. Nach 33 Stunden Gesamteinsatz sicher auch eine Enttäuschung für die beteiligten DRK-Freiwilligen, die alles in ihren Kräften stehende für einen besseren Ausgang getan hatten. -man-


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