· Pressemitteilung

Nach 1.383 Tagen endet auf dem Ex-Flughafen Tegel ein großes Kapitel Berliner Hilfsgeschichte — Ankunfts- und Notunterbringungseinrichtung schließt zum 31. Dezember 2025

Mit der Schließung der Ankunfts- und Notunterbringungseinrichtung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel endet ein außergewöhnliches Kapitel humanitärer Arbeit in Berlin. Seit dem 20. März 2022 wurden rund 110.000 geflüchtete Menschen aufgenommen, versorgt, medizinisch betreut und bundesweit weitervermittelt – so viele wie in kaum einer anderen deutschen Einrichtung. Tegel entwickelte sich zu einem Symbol für schnelle Hilfe, Solidarität und eine einzigartige Zusammenarbeit der Berliner Hilfsorganisationen.

Cansel Kiziltepe, Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, würdigte in einem Dankesschreiben die Arbeit der beteiligten Organisationen: „Mit Ihrer Unterstützung ist es uns gelungen, schnelle und sichere Strukturen zu schaffen, damit all diese Menschen ein Dach über dem Kopf haben. Den besonderen und herausfordernden Bedingungen Ihres Arbeitsalltags in Tegel bin ich mir sehr bewusst. Umso größer sind meine Bewunderung und mein Dank für Ihr Engagement seit der Eröffnung im Jahr 2022.“ 

Von der Pandemie zum Ankunftszentrum 

Bereits während der Corona-Pandemie hatten die Berliner Hilfsorganisationen unter dem gemeinsamen Dach „Wir helfen Berlin“ eng kooperiert. In dieser Zeit betrieben ASB, DLRG, DRK, Johanniter und Malteser mehrere Impfzentren – darunter das Impfzentrum im Terminal C des Flughafens Tegel – sowie zahlreiche weitere Impfstätten, Impfbusse und mobile Teams. Die dabei entstandenen Abläufe bildeten 2022 die Grundlage für den schnellen Einsatz der später in Tegel tätigen Hilfsorganisationen ASB, DRK, Johanniter und Malteser. 

Als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, musste Berlin kurzfristig große Aufnahmekapazitäten schaffen. Auf dem ehemaligen Flughafengelände standen Flächen und Strukturen bereit, die sich rasch umnutzen ließen: Während im Terminal C noch Impfungen stattfanden, wurden im März 2022 bereits die ersten Geflüchteten im Hauptterminal aufgenommen. Mit dem Rückbau des Impfzentrums im Herbst 2022 konnte die Infrastruktur rund um Terminal C vollständig für Unterbringung, Registrierung und Versorgung genutzt werden. 

So entstand innerhalb weniger Monate ein Ankunftszentrum, das in den folgenden Jahren rund 110.000 Menschen Schutz bot, sie medizinisch betreute, in nahezu allen Lebensfragen beriet und bundesweit in Unterkünfte weitervermittelte. 

Tegel: Ein Ankunftszentrum im Maßstab einer Kleinstadt 

Zu Spitzenzeiten lebten bis zu 5.500 Menschen gleichzeitig in Tegel. Von Oktober 2022 bis Juli 2025 wurden zusätzlich Asylsuchende aus anderen Herkunftsländern untergebracht. 

In Hochphasen arbeiteten 1.400 Mitarbeitende, davon 730 aus den Hilfsorganisationen, unterstützt von mehr als 50 externen Partnern und zahlreichen Ehrenamtlichen in Tegel. Allein das zentrale Versorgungslager im ehemaligen Hangar umfasste 6.089 Quadratmeter, fast 24 Tennisfelder. 

Tegel in Daten 

  • 1.383 Tage Betrieb mit rund 110.000 aufgenommenen Geflüchteten – darunter 26.841 Kinder und Jugendliche sowie 1.457 Babys bis zu einem Jahr, davon 156 Neugeborene
  • Menschen aus 99 Staatsangehörigkeiten
  • 2.123 aufgenommene Tiere – vom Hund bis zum Weißbauchigel
  • über 400.000 Hilfeleistungen an den InfoPoints (Information, Orientierung, Weiterleitung und Unterstützung im Alltag)
  • rund 2.900 Begleitungen zu Behörden und Ärztinnen und Ärzten (allein zwischen Februar 2025 – Dezember 2025)
  • mehr als 3.000 abgegebene Fundsachen
  • rund 20.000 ärztliche Untersuchungen (April 2024 – Ende 2025)
  • 127.221 ausgegebene Briefe seit Mai 2024
  • 582.000 ausgegebene Babywindeln
  • Sprachmittlung in 40 Sprachen, allein die Kinderbetreuung erfolgte in 14 Sprachen 

Ein Ort internationaler Aufmerksamkeit 

Delegationen aus Kanada, Frankreich, dem Irak und weiteren Ländern informierten sich vor Ort über die Berliner Aufnahme- und Versorgungsstrukturen. Besonders in Erinnerung bleibt der Besuch von König Charles III. am 30. März 2023, begleitet von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der damaligen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey. Der König suchte gezielt das Gespräch mit neu angekommenen Geflüchteten und würdigte die Arbeit der Berliner Hilfsorganisationen. 

Auch Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, Kulturschaffende und internationale Medien besuchten Tegel regelmäßig, um sich ein Bild von der Arbeit vor Ort zu machen. 

Alltag, Stabilität und Perspektiven 

Tegel war weit mehr als ein Ort der Unterbringung. Tag für Tag entstanden Strukturen, die Orientierung, Stabilität und Perspektiven ermöglichten. Pädagogische Fachkräfte begleiteten Kinder und Jugendliche in kreativen Lern- und Spielräumen und schufen geschützte Bereiche für Babys, Kleinkinder und alleinreisende Frauen. Für ältere Kinder standen Kunst-, Musik- und Sportprogramme bereit – unter anderem mit Alba Berlin, den BR Volleys, dem Berliner Ensemble und c/o Berlin

Bildung und Sprache waren zentrale Schwerpunkte: Sprachkurse – etwa in Kooperation mit der Volkshochschule (VHS), Sprachcafés und Lernförderangebote unterstützten den Einstieg in Schule, Ausbildung und Arbeit. Kooperationen mit der Jugendberufsagentur (JBA) und Viadukt erweiterten insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene die beruflichen Perspektiven. 

Einen wichtigen Baustein beim Übergang in Arbeit bildeten die regelmäßigen Jobmessen auf dem Gelände, die gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) / Work for Refugees konzipiert und umgesetzt wurden. Mit jeweils rund 800 Teilnehmenden brachten sie Geflüchtete direkt mit Unternehmen aus Pflege, Handwerk, Hotellerie und weiteren Branchen zusammen und ermöglichten konkrete Kontakte, Beratung und Bewerbungsprozesse vor Ort. 

Ergänzend stand den Bewohnerinnen und Bewohnern ein breites Beratungsangebot mit mehr als 50 Partnern zur Verfügung: Sozialberatung durch LaRuHelps Ukraine e. V., Bildungs- und Arbeitsberatung durch EMSA sowie GIZ / Work for Refugees, psychologische Angebote durch Albatros, Vista (Verein für psychosoziale Arbeit) und IPSO (International Psychosocial Organization), rechtliche Beratung durch die Arbeiterwohlfahrt (AWO), Unterstützung für Menschen mit Behinderungen durch das Berliner Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (BZSL) sowie Eltern- und Kinderschutz durch die Initiative Tegel-Mütter. Die Berliner unabhängige Beschwerdestelle (BUBS) bot einen vertraulichen Rahmen für Kritik, Beschwerden und Anregungen. 

So entwickelte sich Tegel im Laufe der Jahre zu einer Art „Stadt im Kleinen“ – mit Bibliothek, Lern- und Freizeitbereichen, Schuleinstiegshilfen, Poststelle und vielfältigen Angeboten für alle Altersgruppen, die weit über eine reine Unterbringung hinausgingen. 

Wie es weitergeht 

Vor der Schließung der Ankunfts- und Notunterbringungseinrichtung wurden alle Bewohnerinnen und Bewohner bis Jahresende 2025 in andere Unterkünfte verlegt. Das Land Berlin richtet den Standort nun für künftige Aufgaben der Erstaufnahme neu aus.